Alles aufschieben und vertagen, weil man ja bald schwanger ist.

Wenn man eine Kinderwunschbehandlung startet, ist es sehr sehr selten, dass man irgendwelche negativen Gedanken hat. Natürlich gibt es die Angst vor dem Unbekannten. Natürlich ist man aufgeregt und angespannt. Aber im Großen und Ganzen sind die Gefühle eher positiver Natur: “Endlich passiert etwas! Endlich geht es richtig los! Es wird sicher endlich klappen!”

All diese Gedanken hat man primär, weil man keine Ahnung hat, was auf einen zukommt: Die fiesen Hormone, die alles durcheinander bringen. Die Gefühlsachterbahn einer manisch depressiven Person: “Himmelhoch jauchzend” bis “zu Tode betrübt”. Das zermürbende und wahnsinnig machende Warten. Und wisst ihr was? Das ist auch wirklich gut so, denn sonst würden viele die Behandlung gar nicht erst starten.

Ein großes Thema bei der ganzen Angelegenheit ist der Job. Wer festangestellt ist und auch der Arbeit nicht offen mit dem Kinderwunsch umgehen kann, hat ein Problem. “Wie koordiniere ich die Termine mit dem Job? Wie erkläre ich die ständigen Krankmeldungen? Wie verdrücke ich mich wärend des Meetings aufs Klo, um mir den Shot zu setzen?” Alles Dinge die super belastend sind und Frauen zusätzlich unter Druck setzen.

Und hier ist der Worst Case: Stellt euch vor, ihr hasst euren Job eigentlich. Und wenn kein Kinderwunsch da wäre, würdet ihr ihn sofort kündigen, euch eine neue Stelle suchen, euch selbstständig machen oder eine Umschulung starten. Das alles ist aber undenkbar, denn man wird ja eh bald schwanger. Und in der Probezeit beichten zu müssen, dass man ein Kind erwartet, ist ungünstig. Genau so doof ist die Selbstständigkeit, weil dann die Sicherheiten der Festanstellung wegfallen. Und eine Umschulung?? Wie soll denn dann das Geld für die teuren Versuche zusammen kommen? Also bleibt man, wo man ist und beißt die Zähne zusammen.

Das Problem daran ist: Was ist, wenn es doch nicht sofort klappt? Was ist, wenn es doch ein paar Jahre dauert? Will man zu dem Frust einer Kinderwunschbehandlung auch noch den Frust in einem verhassten Job haben? Ist das förderlich?

Genau diese ganzen Fragen stellte ich mir nach der zweiten erfolglosen ICSI. Bzw. hatte ich zwei ICSIs mit Frischtransfer und eine Kryo hinter mir.

Meine Antwort war einfach: “Das halte ich nicht aus. Was ist, wenn das jetzt noch lange dauert. Das tue ich mir nicht an. Und wenn es doch klappt, findet man Wege. Das wird schon…” Also ab zum Chef und gekündigt. Ich bin in die Selbstständigkeit gegangen und das war das beste, was ich tun konnte. Zum Einen konnte ich mich noch selbst verwirklichen bis es geklappt hatte, zum Anderen wusste ich nach 4 Jahren Kinderwunsch, dass ich unfassbar unglücklich geworden wäre, wenn ich den Schritt nicht gemacht hätte.

Das hat meine Kinderwunschzeit signifikant beeinflusst. Natürlich war ich immer noch “zu Tode betrübt” wenn es nicht geklappt hatte. Aber ich hatte noch so viele Gründe glücklich zu sein, dass ich schneller die Kraft fand, wieder auf zu stehen. Ich kann also jedem raten, keine “Baustellen”im Leben auf zu schieben, weil man mit einer sofortigen Schwangerschaft rechnet. Natürlich sollte nichts übers Knie gebrochen werden. Man kann sicherlich einen Versuch abwarten und schauen wie es läuft. Aber sollte sich abzeichnen, dass kein “Durchmarsch” wird, sondern eher ein Marathon, lebt euer Leben so, wie ihr es euch vorstellt und wünscht. Ein Kind ist der Joker, der Jackpot, der Bonus oben drauf. Es darf sich nicht permanent nach Aufopferung anfühlen, weil man das später natürlich auch ungewollt auf sein Kind projeziert.

Tut euch und eurem zukünftigen Nachwuchs den Gefallen und macht euch Glücklich, auch bevor dieser auf der Bildfläche erscheint.

Und, ja! Ihr habt es mehr als verdient Glücklich zu sein.

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